Worüber ich heute schreibe, ist keine Sehenswürdigkeit im strengen Wortsinn.

Es geht um eine kleine kopfsteingepflasterte unscheinbare Gasse, die sich Mitten in der Münchner Innenstadt befindet. Sie liegt direkt hinter der Feldherrenhalle und verbindet die Residenz- und die Theatinerstraße miteinander. Die Viscardigasse.

Da man auf dem Weg vom Odeonsplatz zur Residenz daran vorbei kommt, läßt sich ein Besuch der beiden wunderbar miteinander verbinden.

Das Drückebergergasserl und seine Geschichte

Im Volksmund wird die Viscardigasse auch Drückebergergasserl genannt. Diesen Namen hat die kleine Straße seit 1933. Warum?

Der Münchner ist erfinderisch

Der Putschversuch Hitlers 1923 endete nach seinem Marsch durch die Residenzstraße am 9. November an der Ostseite der Feldherrnhalle. Dabei wurden neben vier Polizisten auch 16 der Putschisten getötet. Hitler wanderte darauf ins Gefängnis, wo er weiter seine Fäden spann. Die Weimarer Republik konnte noch zehn Jahre weiterbestehen, bis sie in der bekannten Nazikatastrophe endete.

Nach der Machtübernahme 1933 errichteten die Nazis für die 16 getöteten Putschisten ein Ehrenmal an eben dieser Stelle. Es trug die Aufschrift „Und ihr habt doch gesiegt“ – logisch, dass es heute zwar noch die Feldherrnhalle, aber nicht mehr das Ehrenmal gibt. Von 1933 bis 1945 standen vom ersten Tag an ununterbrochen zwei SS-Männer, eine sogenannte „Ehrenwache“. An ihnen kam niemand vorbei, ohne vor dem Ehrenmal gegrüßt zu haben.

Es gab nicht wenige Münchner*innen, die es ablehnten ständig den Arm zu heben. Trotzdem mussten sie normalerweise an den Wachen vorbei, wenn sie zum Odeonsplatz oder weiter nach Schwabing wollten. Um das zu vermeiden, bogen sie kurzerhand vorher links ab und setzten ihren Weg über die Viscardigasse und Theatinerstraße ihren Weg fort – ohne zu grüßen natürlich. Daher der Name Drückebergergasserl

Was erinnert daran?

Wenn man von der Residenz in die Viscardigasse einbiegt, fällt sie im Kopfsteinpflaster nicht sofort auf. Aber tatsächlich erinnert eine Installation des Münchner Künstlers Bruno Wank an die Geschichte des Drückebergergasserls.

Eine 18 Meter lange Spur aus 44 Bronzesteinen erinnert an die Bedeutung der Viscardigasse und die Menschen, die sich zumindest hier den Nazis verweigert haben.

Ich finde, einmal durch die Viscardigasse zu gehen, wenn man in der Münchner Innenstadt ist, sollte man sich nicht entgehen lassen. Jede*r, der mich besucht, wird von mir auf jeden Fall dort hingeschleppt und mit dieser Geschichte „beglückt“.